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Waren für die Donauschwaben die LPG gut?

Zuletzt aktualisiert am Samstag, 03. August 2019 23:18
Veröffentlicht am Samstag, 03. August 2019 23:17
Geschrieben von Richard Guth

Von Prof. Dr. Zoltán Tefner

Die Kollektivierung und Industrialisierung der Landwirtschaft gehört zu den Grundideen des Kommunismus. Sowohl in Ungarn als auch in Deutschland. Die Programmerklärung des ZK der Kommunistischen Partei Deutschlands zur nationalen und sozialen Befreiung des deutschen Volkes vom 24. August 1930 plädierte eindeutig für das in der Sowjetunion schon erfolgreich (sic!) funktionierende Modell. Kein Gegenstand für die Diskussion von heute: Das war eine der größten Täuschungen der Welt. Und die sowjetischen Waffen haben 1945 die Chancen für dieses welterlösende Unternehmen trotzdem mitgebracht. Mitgebracht haben sie gleichzeitig die Vertreibung des Deutschtums von Osteuropa aus seinen wohl eingerichteten Familiennestern in eine damals für sie noch fremde, unsichere Welt, nach Deutschland. Diejenigen, denen es gelang, trotz des Terrors hierzulande zu bleiben, wurden ihren Rechten beraubt und wurden Parias des damaligen Ungarn.

Und da kam die Kollektivierung ab 1948, kaum ein Jahr später, als die Vertreibung aus den donauschwäbischen Siedlungen eingestellt wurde. „Wir werden die Herrschaft der Großgrundbesitzer brechen, werden ihren Grund und Boden entschädigungslos enteignen und den landarmen Bauern übergeben, werden Sowjetgüter mit modernstem Maschinenbetrieb schaffen, die Arbeitsbedingungen des Landproletariats denjenigen der städtischen Arbeiterschaft gleichsetzen und viele Millionen werktätiger Bauern in den Aufbau des Sozialismus einbeziehen.“ – so die Programmerklärung des ZK der KPD zur nationalen und sozialen Befreiung des deutschen Volkes vom 24. August 1930.

Die menschenfremden Züge der LPG

In der Nordschomodei, kaum 10 Km vom Balaton, in vielen von Schwaben bewohnten Ortschaften dachte man darüber strengstens entgegengesetzt. Jakob Raáb (75), Etsching/Ecseny, im Jahre 2010: „Eine gerechte Güterverteilung in der LPG war nie der Fall. Die Arbeitseinheiten wurden fast nie wirklichkeitsgerecht eingetragen.” Arbeitseinheiten? Heutzutage klingt schon dieser komische Schmähausdruck absolut fremd: Wahrscheinlich keiner der Jugendlichen könnte eine adäquate Antwort geben, ob er gegessen oder getrunken werde. Anbei die Lösung des Rätzels: Die Arbeitseinheit (munkaegység) war der nummerische Indikator der Arbeitsleistung in der LPG. Verrechnung einzelner Arbeitsarten, die die Genossenschaftsmitglieder selbst oder der „Brigadeleiter” täglich eintragen mussten. Abschroten: 0,5, Ackerbestellung: 0,84, Pferdepflege (pro Monat): 8,00, Gemüsetransport: 0,8, Kohllieferung: 0,5. Die nur auf Geratewohl ausgewählten nummerischen Einheiten beweisen, in welchem Maße die dörfliche Bevölkerung als Zirkusclown oder Halbnarren angesehen wurde.

Aber mit den Anomalien bezüglich der „munkaegység” ist die Geschichte nicht vollendet. Schwierigere Probleme beherrschten das nach den Vertreibungen gründlich veränderte gemeinschaftliche Feld. Moralisches Defizit involvierten die in der Genossenschaft um sich gegriffenen Diebstähle. Eine sich verbreitende moralische Auflockerung infolge der „kollektiven Verantwortungslosigkeit”. Emma Reidl (82), Lulla und Kötsching/Kötcse, im Jahre 2012: „Während der 40 Jahre LPG-Zeit fassten die Gemeingüter auch diejenigen an, die das früher nie hätten machen können.” Unabhängig von der ethnischen Zugehörigkeit – müsste man hinzufügen. Die „földönfutók”, also Heimatlosen, wurden aus den Ortschaften herausgeschmissen, und dann kamen andere „földönfutók” aus allen Himmelsrichtungen, Bukowina, Oberungarn usw. in die Ortschaften herein. Die soziologische Formel der Siedlung hat sich grundlegend verändert. Aber das Antasten des Genossenschaftsgutes – unabhängig von der ethnischen Verbundenheit – galt nicht als eine unverzeihliche Sünde, sogar wurde es als eine berechtigte Rache an den Kommunismus ausgeübt, eine Art von Kompensation.

Zentrale Planung – Verteilung der Armut

Die zentralistische politische Führung, diesmal residiert in der Kleinstadt Tab, musste die zentralen Instruktionen restlos vollziehen. Bisher wäre die Existenz der zentralen Planung berechtigt. Die Verteilung der knappen Ressourcen hätte man nur auf diese Weise durchführen können. Der Nobelpreisträger Joseph Schumpeter: Ein zentrales Planen ist durchaus vorstellbar, das die knappen Ressourcen zur Herstellung von Gütern rationell verteilt. Prinzipiell könnten wir die Richtigkeit dieser Theorie billigen, aber nicht in der einstweilen ausgeübten Praxis, in der zu verteilen nur die Armut war. Jakob Raáb (75), Etsching: „Alle kämpften für ein besseres Wohlergehen, arbeiteten, obwohl sie Geld dafür nur selten sahen. Sie mussten mit den ausgeteilten kärglichen Naturalbezügen zufrieden sein.”Herrschte bedingungslose Gleichheit in der Verteilung der Armut zwischen den Deutschen und den Ungarn? Protokoll der LPG Előre in Etsching [Ecsenyi MG. TSZ iratai, XIII. 50. Komitatsarchiv Kaposvár/Nagyberki]: „Das Kürbis wird auf Grund des Beschlusses der Direktion sonntags verteilt, […] genauso bekommen die Mitglieder das Jungkohl auch am Sonntag.” Ecsenyi Mg. TSZ-ek iratai, Komitatsarchiv Kaposvár XXX. 50. Protokollband. 3. September 1951: „Vorsitzender Ferenc Bartha teilt mit, dass der Genossenschaft 10 Paar Schnürstiefel zugewiesen wurde. Anmeldungen sind erwartet nur von denen, die an diesen Stiefeln die tiefste Not leiden.” Zum letzten Schluss – wie die herausgegriffenen Fakten zeigen – hat eher der andere Nobelpreisträger das Recht: Planwirtschaft? Hier ist das rationale Wirtschaften unmöglich.

Vergeudung der schaffenden Energien – „gumipitypang”

Inzwischen war die Armut akkurat verteilt worden, die zentrale Planung vergeudete die Energie der schaffenden Geister. Die Unwirtschaftlichkeit, die Präferenzen politischer Überlegungen schwelgten überall im Lande. Das Schlimmste darin war es hierbei, dass die oberste politische Leitung die Menschen am Narrenseil führte. György Porga, Traktorist und Linksaussen in der Kötcseer Fußballmannschaft: „A komonistákban az volt a rossz, hogy folyton a bazári majmot játszatták velünk”. Ins Deutsche schwer übersetzbares Idiom: „In den Kommunisten war es am schlimmsten, dass sie mit uns ständig den im Basar herumsprigenden Affen spielen ließen.”

Zitat aus den oben zitierten archivalischen Belegen: „Gyuka Ilonka wird auf »gumipitypang-termesztő tanfolyam« in Gölle eingeschult.” Gumipitypang: Kok-Shagyz. In Kasachstan erntet man eine Rekordmenge bester Qualität, in der Ungarischen Tiefebene, obwohl da die besten klimatischen Verhältnisse herrschen, Erteertrag absolut Null. Ebenda: „4. März 1951 wird Mariska Simon auf Baumwollerzugungskurs in Gölle eingeschult.” Eine Rekordernte wurde eingeplant, weil die Instruktion aus Tab es so formulierte, aber bis Oktober blieb die Baumwolle unreif, die LPG-Mitglieder mussten in diesem Jahr mit Prämisierung mit Naturalien anstatt Geldes zufrieden sein. Jakob Raáb (75) mit sarkastischem Lächeln: „Nächstes Jahr haben sie mit dem »gumipitypang« nicht mehr experimentiert.”

Multikulti” LPG?

Waren die LPG in den Gemeinden „multikulturelle” Produktionsgemeinschaften? Kann ein Produktionsbetrieb sowjetischer Art „multikulturell” werden? Rudolf Andorka, Soziologe: Ambivalenz. Ja und nein gleichzeitig. Die Nation ist nicht die einzige dominante Identität, es gibt noch eine regionale, religiöse, weltanschauliche […]. Und es fehlte in dieser Zeit die internationale rechtliche Garantie für die Bewahrung nationaler Identität. Im Kommunismus war es mit der Erstrangigkeit der Nationalität nicht der Fall. Die zurückgebliebene schwäbische Ethnizität musste sich dadurch an die ungarische Mehrheit anpassen. Und die LPG, die Organisation der gemeinsamen Arbeit, funktionierte trotz aller ihrer Unannehmlichkeiten als ein Schmelztiegel.

Die deutschen Genossenschaftsmitglieder in Etsching waren zum Beispiel an der Güterverteilung nicht kurz gezogen. Frau Raáb geb. Margit Pintér (74): „Wir waren damals wie eine große Familie, wir standen brüderlich zusammen, nie waren unter uns ernsthafte Streitigkeiten, was befohlen wurde, wurde gemacht.” Jakob Raáb: „Es gab keine Feindseligkeit unter den Volksgruppen wegen der Belohnung, wir haben uns verstanden, Bälle, Lustbarkeiten gemeinsam organisiert, das Volk war zusammengeschmolzen, egal, woher sie gekommen sind.” Das gemeinsame Wohlergehen verband die ganze Dorfgemeinschaft.

Die LPG-Gründung teilt die donauschwäbischen Dorfgemeinschaften

Nicht so ging es aber überall. Ein paar Kilometer entfernt, in Niklasing/Miklósi ereigneten sich turbulente Szenen um die LPG-Gründung. Die LPG „Vöröscsillag” [Roter Stern] bestand vorwiegend aus den „Hingefahrenen”, aus ungarischen Ansiedlern, die Niklasinger Schwaben waren anfangs gegenüber der LPG abstinent. Nicht aus eigener Initiative. Das Kreis-Parteikomitee in Tab war 1949 der Meinung, den Paria-Status der Niklasinger Schwaben aufrechtzuerhalten. Erst 1953 wurde die deutsche LPG „Kossuth” begründet. Nicht eingestellt aber die Zweiteilung des Dorfes zwischen Magyaren und Schwaben. Die Zwietracht mündete nicht selten in tunliche Konflikte ein. In der Niklasinger Kneipe sind zwei, an den LPG-Gründungen interessierte Parteien, Schwaben und Ungarn – soziologisch präziser formuliert: Kommunisten und Schwaben – handgemein geworden.

Im Komitatsarchiv Kaposvár liegen interessante Akten über diese interessante Angelegenheit. Törvényhatósági Iratok [Munizipalakten], 1955, Strafprozess gegen Josef Nieselberger (45) und noch sechs Mittäter – schwere Körperverletzung. Die „Mittäter” „rossz fát tettek a tűzre” [haben was angestellt]: Sie machten einen Mulatschag, und tanzen auf dem Tisch im Wirtshaus. Umsonst wurden sie von der Wirtin aufgefordert, mit dem Tanzen aufzuhören, der Tanz ging desto unbändiger weiter. Zur Aufforderung der Wirtin trugen die anwesenden kommunistischen Dorfpotentaten mit körperlicher Gewalt bei [Forschungen von Gyula Berta]. Vor der Kneipe auf der Straße setzte sich die Schlägerei fort. Zuerst József Szabó, ein Parteigenosse, mischte sich in das Duell ein, demzufolge „Nieselberger feje eldeformálódott” [der Kopf von Nieselberger hat sich deformiert]. An diesem Punkt traten andere lokale Genossen ein, Gyula Somogyi, der Vorsitzende des Gemeinderates, Ferenc Barics, der Sekretär des Exekutivkomitees, und etliche Freunde. Somogyi wurde mit einem Taschenmesser gestochen (länger als 20 Tage dauernde Genesung).

Tab, der Kreisort, zwei Wochen später: Zwei Schwaben haben die Polizisten auf Flucht vor der Eisenbahnstation von Tab in Haft genommen. Der Fall endete mit aufschlussreichen Folgen: Das Kreispolitbüro ging vorsichtig vor. Dann schrieb man schon 1955, nach den Imre-Nagy-Reformen, knapp ein Jahr vor dem großen revolutionären Knallen, so wurde Nieselberger – Gott sei Dank – nicht aufgehängt oder lebenslänglich verurteilt, sondern er hat 6 Jahre Gefängnis bekommen, die anderen weniger. Interessant lautet die Meinungsäußerung des Parteikomitees über Gyula Somogyi: Er hat während der LPG-Agitation 1949 (?) die Leute regelmäßig „geprügelt”. Die andere Partie, bei der in diesem Falle die politische Einstellung und die ethnische Herkunft ausnahmsweise zusammenfielen, wurde frei gesprochen. So großzügig konnte es aber nicht geschehen.

Abschließende Bemerkungen

Waren die LPG für die deutsche Minderheit gut oder schlecht? Eines ist sicher: Für die Allgemeinheit spielten sie sowohl wirtschaftshistorisch als auch sozialpolitisch eine negative Rolle. Und weil das nicht vertriebene Deutschtum in dem Ungarn der 1950er Jahre auch einen Teil der Allgemeinheit bildete, war die kolchosartige Kollektivierung für sie auch von zerstörerischer Wirkung. Dadurch aber, dass sie der Staat selbst, die Titularnation der Magyaren und die lokale Lebensgemeinschaft als LPG-Mitglieder unter einem Hut behandelte, sind sie aus dem Status eines Parias hervorgetreten. Sie wurden nach drei bitteren Jahren wieder als Menschen betrachtet. In diesem Sinne konnten sie auf einen grünen Zweig kommen.

Kurt Lewin, der amerikanische Politikwissenschaftler, analysiert den gruppendynamischen Prozess, in welcher Weise eine Gruppe innerhalb einer Gemeinschaft – in unserem Falle eine Dorfgemeinschaft – die Kontrolle zu sich zu reißen versucht. Es gibt Stufen, durch die der Prozess vor sich geht. Zuerst versucht die maßgebende Gruppe die Rollen zu verteilen. In Etsching waren die Rollen „demokratisch” verteilt. Es gab keine Spaltung ungarisch–deutsch, die Armut konnten sie untereinander nur einheitlich verteilen. In Niklasing haben die „Hingefahrenen” die Macht zufällig oder absichtlich als kommunistische Kader zu sich gerissen und die schwäbische Gruppe unter ihrem Terror gehalten. Kurt Lewin: Gestaltung der Kultur – in den ersten 50er Jahren konnte man darüber nicht reden, die Kultur für beide Schichten wurde von oben reguliert. Lewins These über eine gelegentliche Aufnahme neuer Mitglieder kann man nicht einmal im Falle von Etsching verwenden, da die Dorfgemeinschaft auch nach der Ansiedlung der Magyaren aus dem Felvidék hermetisch geschlossen blieb, also ein Dialog mit einer dritten oder anderen Gemeinschaft absolut ausgeschlossen war. Und eine wesentliche Schlussbemerkung: Mit der Zeit verließen die Schwaben in allen Gemeinschaften ihren demütigenden Pariastatus. 1950 konnte man noch nicht machen, was man 1955 schon machen konnte. Beispielsweise konnten sie auf dem Tisch tanzen.

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